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Neueinstufung von Formaldehyd

Seit Jahrzehnten wurde – nicht nur in Deutschland – heftig diskutiert, ob Formaldehyd nicht anders eingestuft werden müsste, als das lang geschehen war. Vielen Experten erschien die Einstufung "Verdacht auf karzinogene Wirkung beim Menschen" zu gering. Vielen älteren Menschen sind noch die "unangenehmen" Gerüche in Erinnerung, die vor vierzig Jahren von neugekauften Möbeln ausströmten und dass ein tagelanges Lüften der Zimmer notwendig wurde, wollte man wenigstens unerträgliche Kopfschmerzen verhindern. Damals waren Produkte wie Xylamon, Xyladecor oder andere Lindan-haltige Produkte die Ursache, die heute für die Innenraum-Anwendung verboten sind bzw. in ihrem Gefährdungspotential durch andere Gemische und Anwendungen deutlich entschärft worden sind. Die stechenden Gerüche sind aber bis heute bei vielen Holzprodukten nicht verschwunden. Ursache ist häufig eine Ausströmung von Formaldehyd aus Wänden, Fußböden oder Möbeln, wenn dort verleimte Span- oder Faserplatten verarbeitet worden sind und der verwendete Leimharz Formaldehyd-haltig ist. 

Viele internationale Untersuchungen haben gezeigt, dass die bisherige Einstufung als "Gefahr der Sensibilisierung der Haut" eine Verniedlichung der Gefährdung ist, denn die Sensibilisierung der Haut durch Formaldehyd wird heute eher als eine konkrete Tatsache und weniger als eine potentielle Gefahr gesehen. Auch die bisherige Einstufung der Keimzellmutagenität in Kategorie 5 ist eher als optimistisch einzustufen und kann bei Würdigung der neuesten Untersuchungsergebnisse kaum noch als realistisch beurteilt werden.  

In Tabelle 1 der TA Luft (Stand 07/2002) wurden für einige gefährliche. Stoffe bzw. Stoffgruppen Konzentrationen, Mittelungszeiträume und zulässige Überschreitungshäufigkeiten im Jahr zum Schutz der menschlichen Gesundheit angegeben, die nicht überschritten werden dürfen. Da Formaldehyd in dieser Tabelle nicht namentlich genannt war und auch nicht in eine der dort genannten Gruppen eingeordnet werden konnte, galten die in der Tabelle genannten Begrenzungen nicht bei Tätigkeiten mit Formaldehyd. Da Formaldehyd aber in Anhang 4 der TA Luft als organischer Stoff der Klasse I genannt wurde, müssen die dort genannte Begrenzung des Summenwerts für organische Stoffe von zusammen maximal 20 mg/m³ berücksichtigt werden, wobei oft davon ausgegangen wird, dass keine weiteren organischen Produkte anwesend sind, so dass der Maximalwert voll auf Formaldehyd angewendet werden kann.  

Dem gegenüber steht die Empfehlung des Bundesgesundheitsamtes (bereits aus dem Jahre 1977), in der gefordert wird, dass die Konzentration von Formaldehyd in Aufenthaltsräumen nicht höher als 0,1 mg/m³ sein darf. In dieser Empfehlung wird nicht unterschieden zwischen Arbeitsräumen und privaten Aufenthaltsräumen.  

Im Sommer 2004 empfahl das Krebsforschungszentrum der WHO, Formaldehyd basierend auf Humandaten und Tierexperimenten als krebserzeugend einzustufen. Seitdem sind fast 10 Jahre vergangen. Im Dezember 2012 beschloss die ECHA endlich, die Einstufung von Formaldehyd als CMR-Stoff vorzuschlagen. Zwei weitere Jahre vergingen, bevor in der Verordnung (EU) Nr. 605/2014 zur CLP-Verordnung (6. ATP) diese vorgeschlagene Änderungen angenommen und damit für gewerbliche Anwendungen verbindlich umgesetzt wurde: karzinogen (Kategorie 1B) und keimzellmutagen (Kategorie 2). Die für die Umsetzung dieser Einstufung ehemals festgelegte Übergangsfrist bis zum 01.04.2015 wurde durch die Verordnung (EU) Nr. 2014/491 vom 23.03.2015 auf den 01.01.2016 verschoben.

Der im Jahre 1979 festgelegte MAK-Wert, der bei Fehlen von Arbeitsplatzgrenzwerten zur Orientierung herangezogen werden sollte, wurde in regelmäßigen Abständen verringert und letztendlich im Jahre 2000 auf 0,3 ppm (0,37mg/m³) festgelegt.  

Formaldehyd ist einer der wichtigsten organischen Grundstoffe, dient in der chemischen Industrie als Ausgangsstoff für viele andere chemische Verbindungen und entsteht ungewollt bei vielen Verbrennungsvorgängen. Schon in der Vergangenheit waren die technischen Maßnahmen nicht unerheblich, um die TA Luft genannten Bedingungen einzuhalten. Die jetzt anzuwendende Regelung für CMR-Stoffe wird von vielen Betrieben als eine zu starke Herausforderung eingeschätzt, denn der nach der TA Luft einzuhaltende Wert von 1 mg/m³ bei gewerblicher Anwendung in der Abluft und bei Verbrennungsvorgängen würde für einen CMR-Stoff nur noch 5% der bislang tolerierten Konzentration von 20 mg/m³ betragen!  

Aber die Herausforderung wird noch deutlicher sein, denn in der letzten Revision der TRGS 900 wird erstmalig für Formaldehyd ein verbindlicher Arbeitsplatzgrenzwert vorgegeben: 0,3 ml/m³ (ppm) bzw. 0,37 mg/m³ und ein Überschreitungsfaktor von 2(I)! Formaldehyd wird in der Bemerkungsspalte der TRGS 900 als kanzerogener Stoff mit der Kategorie 1A/1B eingestuft. während die Mutagenität unerwähnt bleibt – vielleicht, weil sie bislang noch nicht eingetragen werden konnte oder musste. Der Grenzwert entspricht dem seit vielen Jahren bestehenden MAK-Wert. Durch die Einstufung als AGW hat der AGS die vorhandenen Befunde anerkannt und als gesundheitsrelevant eingestuft. Die Festlegung des Grenzwertes als AGW bedeutet, dass dieser Wert grundsätzlich zu beachten ist und zwar – da keine Übergangsfrist in der Änderung der TRGS 900 steht – unmittelbar nach Veröffentlichung der Änderung im Gemeinsamen Ministerialblatt am 02.03.2015. Und das sind jetzt nur noch 1,85% dessen, was bislang respektiert worden war.  

Tätigkeiten mit dem karzinogenen und reproduktionstoxischen Formaldehyd unterliegen auch den Forderungen nach § 14 Abs. 3 GefStoffV 2010: Es muss ein Verzeichnis der Beschäftigten geführt werden, bei denen die Gefährdungsbeurteilung eine Gefährdung der Gesundheit ergeben hat. In diesem Verzeichnis sind auch Höhe und Dauer der Exposition zu dokumentieren. Das Verzeichnis ist 40 Jahre lang nach Ende der Exposition aufzubewahren und dem Beschäftigten ist nach Ende der Beschäftigung ein Auszug der ihn betreffenden Daten auszuhändigen.