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Erstmalige Erstellung eines Gefahrstoffverzeichnisses

Bei der erstmaligen Erstellung des Gefahrstoffverzeichnisses kann es ggf. für einige Betriebe sinnvoll sein, in einem ersten Schritt eine umfassende Auflistung aller verwendeten Stoffe und die damit durchgeführten Tätigkeiten zu erstellen und erst in einem zweiten Schritt zu überprüfen und zu entschieden, ob es sich dabei um einen Gefahrstoff handelt.

Es ist häufig nicht einfach zu entscheiden, ob es sich bei der Verwendung eines Stoffes (Produktes) oder Zwischenproduktes um einen Gefahrstoff handelt oder um einen Stoff, der eingesetzt wird oder entsteht. Stoffe liegen in der Regel nicht als Einzelstoffe, sondern in Form einer Mischung von mehreren Stoffen (Gemische) oder als Erzeugnisse vor, bei denen Form und Gestalt die Funktion stärker bestimmen als die chemische Zusammensetzung des Stoffes.  

Die Auflistung der Stoffe (und Tätigkeiten) sollte zunächst also unabhängig davon erfolgen, ob es sich um gefährliche oder ungefährliche Stoffe handelt. Zum Erfassen der Stoffe stellen wir bei den Musterformularen eine Vorlage zur Verfügung, in der alle gefundenen Stoffe und deren Kennzeichnung und Verwendung eingetragen werden können, so dass die Entscheidung, ob es sich um einen Stoff handelt, der in das Gefahrstoffverzeichnis aufgenommen werden muss, dezentral gefällt werden kann. Dabei muss bedacht werden, dass zu den Stoffen alle

-     Einsatzstoffe,
-     Hilfsstoffe,
-     Zwischenprodukte,
-     Abfälle,
-     Endprodukte etc.
-     sowie absichtlich oder unabsichtlich bei der Tätigkeit entstehende oder freigesetzte Stoffe
zählen.

Zur Erläuterung des Begriffs "absichtlich oder unabsichtlich entstehende oder freigesetzte Stoffe" können folgende Beispiele dienen:

  • Nitrosamine sind keine Bestandteile von frischen, noch nicht verwendeten Kühlschmiermitteln, sie entstehen erst bei deren (auch bestimmungsgemäßen) Verwendung
  • Nitrosamine können aber auch bei der Alterung (Lagerung!) von Vulkanisationsprodukten gebildet und freigesetzt werden (z. B. Reifen)
  • Abgase dieselbetriebener Motoren, z. B. Gabelstaplern, sind Dieselemissionen (siehe auch TRGS 554)
  • Holzstaub kann grundsätzlich bei jeder Bearbeitung von Holz entstehen (siehe auch TRGS 553)
  • Lösemitteldämpfe können bei der Verwendung von lösemittelhaltigen Reinigern freigesetzt werden
  • Zersetzungsprodukte können bei diversen Tätigkeiten entstehen, z. B. beim Schweißen durch thermische Zersetzung des Schweißguts und/oder der Schweißelektrode)
  • Zersetzungsprodukte können auch bei der thermischen Behandlung von Kunststoffen entstehen

Diese Beispiele verdeutlichen, dass auch Produkte, die auf den ersten Blick ggf. als nicht relevant und ungefährlich eingeschätzt werden, durchaus Gefahrenpotentiale beinhalten können und Stoffe erst durch die damit durchgeführte Tätigkeit zu einem Gefahrstoff werden können.

Die Liste der Stoffe und Tätigkeiten kann neben der Vorbereitung des Gefahrstoffverzeichnisses auch einen Überblick über die Gesamtheit der im Betrieb vorhandenen Stoffe geben und wenn für einen Verwendungszweck mehrere Stoffe eingesetzt werden auch zur Verringerung der Anzahl der notwendigen Stoffe führen. Außerdem lassen sich nicht mehr benötigte Stoffe (Restbestände) identifizieren, entsorgen und somit Kosten zu sparen.

Für viele Arbeitgeber ist der nächste Schritt der schwierigste Teil, denn es muss ermittelt werden, welche der ermittelten Stoffe bei den vorgesehenen Tätigkeiten Gefahrstoffe im Sinne des Chemikaliengesetzes (ChemG) bzw. der CLP-Verordnung sind. In vielen Betrieben steht das hierfür notwendige Fachwissen innerbetrieblich nicht zur Verfügung. In diesen Fällen muss ein entsprechend Fachkundiger als Berater hinzugezogen werden.

Zunächst muss man sich darüber im Klaren sein, wie umfangreich die Definition des Begriffs Gefahrstoff im § 3a Abs. 1 ChemG ist, denn zu den Gefahrstoffen zählt mehr als aus der sehr allgemeinen Definition auf den ersten Blick hervorzugehen scheint.

Im § 19 Abs. 2 ChemG wird der Begriff Gefahrstoffe etwas umfassender definiert. Danach zählen zu den Gefahrstoffen

  • gefährliche Stoffe und Gemische nach § 3a Absatz 1,
  • Stoffe, Gemische und Erzeugnisse, die explosionsfähig sind,
  • Stoffe, Gemische und Erzeugnisse, aus denen bei der Herstellung oder Verwendung Stoffe nach Nummer 1 oder Nummer 2 entstehen oder freigesetzt werden,
  • Stoffe und Gemische, die die Kriterien nach den Nummern 1 bis 3 nicht erfüllen, aber aufgrund ihrer physikalisch-chemischen, chemischen oder toxischen Eigenschaften und der Art und Weise, wie sie am Arbeitsplatz vorhanden sind oder verwendet werden, die Gesundheit und die Sicherheit der Beschäftigten gefährden können,
  • alle Stoffe, denen ein Arbeitsplatzgrenzwert im Sinne der Rechtsverordnung nach Absatz 1 zugewiesen ist.

Legierte Stähle sind grundsätzlich keine Gefahrstoffe. Beim Schweißen entstehen aber Schweißrauche, die giftige Chrom- oder Nickelverbindungen enthalten, und entsprechende Schutzmaßnahmen für die Beschäftigten sind unabdingbar, beispielsweise eine Absaugung der Schweißrauche. Werden die Schweißrauche unmittelbar am Ort der Entstehung entfernt, so wie es sein sollte, führen also nicht zu Expositionen der Beschäftigten, so müssen sie nicht in das Gefahrstoffverzeichnis aufgenommen werden. Analoges gilt für frische Kühlschmierstoffe, aus denen sich erst – auch bei bestimmungsgemäßem Gebrauch – Nitrosamine in gefährlicher Konzentration bilden können. Nur diese verunreinigten Kühlschmierstofflösungen gehören in das Gefahrstoffverzeichnis, nicht aber die als Vorrat gelagerten reinen

In der deutschen Fassung der CLP-Verordnung kommt der Begriff Gefahrstoff überhaupt nicht vor. Für gefährliche Stoffe und Gemische wird eine dritte, sehr viel allgemeinere Definition verwendet, die von der sehr detaillierten Beschreibung der gefährlichen Eigenschaften im Anhang der Verordnung getrennt ist:

  • "Ein Stoff oder ein Gemisch, der bzw. das den in Anhang I Teile 2 bis 5 dargelegten Kriterien für physikalische Gefahren, Gesundheitsgefahren oder Umweltgefahren entspricht, ist gefährlich und wird entsprechend den Gefahrenklassen jenes Anhangs eingestuft.
  • Werden in Anhang I Gefahrenklassen nach dem Expositionsweg oder der Art der Wirkungen differenziert, so wird der Stoff oder das Gemisch entsprechend dieser Differenzierung eingestuft."

Mit dieser Einstufung wurden die früheren Gefährlichkeitsmerkmale durch Gefahrenklassen ersetzt.

In einzelnen Fällen kann es vorkommen, dass erst durch die Tätigkeit ein Gefahrstoff entsteht, was bei der Gefährdungsbeurteilung grundsätzlich zu berücksichtigen ist und geeignete und wirksame Schutzmaßnahmen ermittelt und umgesetzt werden müssen. Die Frage, ob der Gefahrstoff auch ins Gefahrstoffverzeichnis gehört, muss davon separat betrachtet werden.